Sexismus ist zum Kotzen

Statement zu den Frauen*reihen(1) auf der Silvio-Meier-Demo 2010 und Anstoß zur weiteren Diskussion.

Was bisher geschah…

Auf der Silvio-Meier-Demo 2010, waren wir Teil der Frauen*reihen. Nachdem wir zu diesen auf Indymedia mit einem knappen Aufruf, der nicht den Anspruch hatte, das eher traditionelle Konzept der Frauen*reihen neu zu überdenken, aufgerufen hatten, wurden wir von vielen Kommentaren und Kritiken überrascht. Konstruktive Kritik, die über das Internet oder persönlich an uns herangetragen wurde, hat einige wie wir finden durchaus fruchtbare Diskussionen angeregt. Auf die vielen sexistischen und beleidigenden Kommentare, die sich leider auch darunter befanden, möchten wir jedoch nicht mehr eingehen. Seit Jahrzehnten wird das Konzept der Frauen*reihe von Kritik verfolgt. Dabei hat sich der Charakter der Kritik durchaus in den letzten Jahren verändert, angefeindet wird es trotzdem immer noch stark. Die Silvio-Meier-Demo war daher nur der Anlass, der folgende Text soll sich aber allgemeiner mit Reaktionen auf Frauen*räume, -aktionen usw. beschäftigen. Wir werden uns im Folgenden insbesondere mit der Verschränkung von Patriarchat und Heteronormativität beschäftigen. Der Text soll jedoch nicht nur erklären und Scheinargumente entlarven. Darüber hinaus hoffen wir, dass dadurch eine Diskussion über die Ausgestaltung solcher Aktionsformen entsteht.
Wer wir sind…

Als Gruppe haben wir die Möglichkeit uns auf Grund der letztjährigen Reaktionen
(im Internet, persönlich und auf der Demo) nochmal ausführlich zu äußern Wir können jedoch nicht für alle sprechen, die Teil der Frauen*reihe waren. In der Auseinandersetzung mit diesem Thema ist uns wichtig zu betonen, dass wir uns alle aus einer bestimmten Perspektive mit Sexismus auseinandersetzen. Allerdings wollen wir die Identität nicht zum Zentrum der Kritik machen(2). Wir, die autonomen antisexist_innen, setzen uns aus Menschen aus unterschiedlichen politischen Zusammenhängen in der linken Szene zusammen, die in vielfältigen Kontexten die Erfahrungen gemacht haben, dass Sexismus allgegenwärtig ist.

1. MagenSchmerzen – Patriarchat und Heteronormativität

Als grundlegend für den Großteil der Kritik sehen wir die unterschiedlichen Vorstellungen die mit den Begriffen Patriarchat und Heteronormativität einhergehen. Während wir diese beiden Konstrukte als fundamentale Ausprägungen von Sexismus wahrnehmen, scheint diese Unterscheidung oft nicht gemacht zu werden oder bewusst zu Gunsten eines der beiden Unterdrückungsverhältnisses betont zu werden. Dies ist durchaus nachvollziehbar, da die Konstrukte auf komplizierte Weise miteinander verbunden sind. Dennoch halten wir es für notwendig eine Unterscheidung zu treffen. Auf dieser Grundlage können Diskussion weitaus differenzierter und reflektierter geführt werden und praktisches Vorgehen kann gezielter gegen die unterschiedlichen Ausprägungen des Sexismus gerichtet werden.
Doch was beinhaltet Heteronormativität, was Patriarchat ? Wie sind diese beiden Konstrukte miteinander verknüpft? Wo gehen sie zusammen und wo nicht?
Wir verstehen unter dem durchaus in verschiedensten Zusammenhängen genutzten Begriff der Heteronormativität knapp zusammengefasst ein gesellschaftliches Machtverhältnis. In dessen Rahmen werden Normen aufgestellt, die das biologische Geschlecht (sex) und das soziale Geschlecht (gender) auf zwei mögliche Ausprägungen: männlich und weiblich beschränken. So wird dem biologisch kategorisierten Geschlecht immer eine entsprechende gesellschaftliche Rolle zugewiesen. Darüber hinaus wird heterosexuelles Begehren als normal verstanden. Alles nicht mit diesen Normen konforme wird als unnormal, abweichend und Ausnahme dargestellt.
Das Machtverhältnis Patriarchat baut auf dieser Zweiteilung auf bzw. geht aus dieser hervor. Dabei wird mit diesem Begriff die strukturelle Unterdrückung von Frauen* bezeichnet. Patriarchat kann in diesem Sinne natürlich nur im Rahmen von Heteronormativität funktionieren, da hier die eindeutige Zuteilung eines Individuums zu einem der Geschlechter zwingend notwendig ist und dafür erzwungen wird. Damit sind diese beiden Machtverhältnisse natürlich miteinander verbunden.
Der Kampf dagegen bzw. die Kritik daran setzt jedoch an unterschiedlichen Stellen an. Während es natürlich unser Ziel ist insgesamt auf identitäre Kategorisierungen verzichten zu können und daran geknüpfte Privilegien zu bekämpfen, führt ein verfrühtes Ablegen der aktuell gesellschaftlich relevanten Kategorien nur zur Verschleierung existierender Unterdrückungen. Wir würden die Augen vor der Realität verschließen wenn wir behaupteten, dass die heilige Zweifaltigkeit von Geschlecht in unserer Gesellschaft und auch in unserer Szene nicht mehr existiert und keine Gewalt ausprägt. So halten wir es für dringend notwendig weiterhin auf patriarchale Strukturen hinzuweisen und diese anzugreifen.
Das im Rahmen von Aktionen, die auf (teils auch unsichtbare) Machtstrukturen hinweisen, Bezug auf diese Kategorien genommen werden muss und diese dabei reproduziert werden ist uns bewusst. Das Konzept eine oder mehrere Frauen*reihen zu machen bzw. dazu aufzurufen zielt klar auf eine Kritik am Patriarchat bzw. den von dort auch in unsere Szene hinüber geretteten Strukturen ab und übt natürlich nur in begrenztem Rahmen Kritik an Heteronormativität. Diese Aktionsform jedoch komplett abzulehnen bzw. als Tabuthema zu labeln, weil dadurch Kategorien wieder aufgerufen werden, über die wir hinwegkommen sein wollen geht aber an der Realität der gesellschaftlichen Machtverhältnisse vorbei. Hier ist es unbedingt notwendig einen Umgang mit diesem Problem zu finden. Im Folgenden soll Anstoß für eine Diskussion gegeben werden, die sich mit der Verbindung der Kritik an beiden Machtverhältnissen beschäftigt und versucht hier Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Es sind also Patriarchat und Heteronormativität die uns Magenschmerzen bereiten.

2. DurchFall – das Scheinargument des „umgedrehten Sexismus“

Auch die linksradikale Szene ist kein luftleerer Raum, der irgendwo außerhalb der Gesellschaft schwebt. Wir alle haben unterschiedliche Ausgangspositionen in der Gesellschaft und tragen diese in die Szene hinein wo sie fortwirken. Aus diesem Grund ist es auch hier wichtig sexistische Machtverhältnisse immer wieder zu thematisieren und dabei eingefahrene Verhaltensmuster und Strukturen anzugreifen. Daher denken wir noch immer, dass unter anderem die Silvio-Meier-Demo ein notwendiger Ansatzpunkt für die Auseinandersetzung mit diesem Thema war und sein sollte. In der Debatte, die durch diese Aktion angeregt wurde war es vor allem das Argument des „umgedrehten Sexismus“ das uns oft entgegen gebracht wurde. Dieses wird häufig bei derartigen Debatten, wie z.B. auch wenn es um FLT-Räume geht angeführt und wir halten es für ein Scheinargument.
In vielen Fällen basiert die Funktionsweise dieses Arguments auf Wahrnehmungen, die die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und vor allem ihre Wirkmächtigkeit in unsere Szene hinein verkennen.
Der punktuelle Entzug von Privilegien kann dabei nicht gleichgesetzt werden mit der strukturellen Diskriminierung von Frauen* im Patriarchat.
Dabei wird es durch den Vorwurf des Ausschlusses von strukturell Bevorteilten unmöglich gemacht strukturell deprivilegierten Personen ein Forum zu bieten, ob z.B. im Rahmen von Frauen*räumen oder politischen Aktionen.
Die bestehende Annahme, welche bei diesem Scheinargument mitschwingt ist, dass in der Szene Geschlecht komplett dekonstruiert sei oder dass zumindest davon abstrahiert werden könne. Diese Annahme führt aber dazu, dass Machtverhältnisse verschleiert werden, was Handlungsunfähigkeit erzeugt. Denn Machtverhältnisse wirken überall ob mittelbar oder unmittelbar und müssen daher in unserer politischen Praxis benannt und angegangen werden.
Am Beispiel des damals unter unserem Text auf Indymedia geposteten Aufrufs zum Unisex-Block(3) zeigt sich anschaulich wie die Benennung von oben beschriebenen Machtverhältnisen verschleiert wird und daraus resultierende Problematiken ins Private verdrängt werden. Denn durch das Tragen angeblich geschlechtsneutraler Kleidung, werden die Geschlechterverhältnisse weder beachtet noch aufgearbeitet. Im Gegenteil wird vorausgesetzt, dass damit politisch alles getan und alle real existierenden Probleme individuell und privatverschuldet von den jeweiligen Einzelpersonen zu bewältigen seien.
Die oben kritisierte Scheinargumentation auf der einen und die Abdrängung der Problematik in den privaten Bereich auf der anderen Seite, sind althergebrachte Abwehrmechanismen.
Das Thema Sexismus bleibt durch sozialen Druck als Randnotitz stehen oder geht wenn nicht als Leerbegriff, dann sogar ganz unter. Aussprüche wie „das hält uns doch nur auf und hat auch gar nichts mit dem Thema zu tun“ oder „macht doch eine Demo/Reader/Kampagne zu Antisexismus“ zeigen, dass Einige den emanzipatorischen Anspruch den sie grundsätzlich zwar erheben nicht überall umsetzen. Denn die tatsächliche Einbindung antisexistischer Praxis in die Politische Praxis/Arbeit spielt bei allen Themen eine Rolle und muss in und außerhalb der Szene vorangetrieben werden. Genau deshalb finden wir Aktionen wie auf der Silvio-Meier-Demo so wichtig, weil sie immer wieder Konflikte aufzeigen, die sonst nur still „ausgesessen“ werden. Eine kollektive, kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen wird dabei verhindert und als Einzel-und Randerscheinung abgedrängt.
Wenn es dann doch dezidiert antisexistische Aktionen gibt, dann mangelt es häufig an Kontinuität. Das ist zwar bedauerlich aber auch verständlich wenn man bedenkt welche Art von Kritik diesen Aktionen entgegengesetzt wird und wie uns das Thema persönlich betrifft. Die Reflexion des eigenen Verhaltens, (die nicht mit „ja ich bin weiß und privilegiert geboren, das reflektieren wir mit; nächster Punkt“ abgewiegelt werden kann) erfordert Überwindung und die Fähigkeit zur Selbstkritik. Deshalb gelingt leider Vielen die Kritik auf sachlicher Ebene nicht, weshalb es bei derlei Debatten immer wieder zu reflexhaftem Abblocken von Kritik und Angriffen auf emotional-persönlicher Ebene kommt. Die ständigen Anfeindungen, Verharmlosungen (z.B. als unpolitisch siehe diss_ Hamburg(4)) und Drohungen gegenüber Gruppen und Einzelpersonen die zum Thema Sexismus arbeiten, bewirken entweder eine endgültige Zermürbung und/oder den Rückzug in die Subszene. Deshalb ist die Verquickung mit der alltäglichen Praxis aber auch mit allen politischen Prozessen, Kampagnen und Forderungen so wichtig und darf nicht à la Nebenwiderspruch abgetan werden.
Deshalb finden wir, dass der Großteil der Reaktionen aus der Szene heraus kommen durchgefallen sind.

3. BrechReize – Wie brechen wir mit Normen und bekämpfen das Patriarchat?

Aus dem oben Ausgeführten ergeben sich für uns zwei mögliche Angriffspunkte. Diese bestehen aus dem Angriff auf patriarchalen Strukturen zum Einen und dem Bruch mit Heteronormativität zum Anderen.
Dem Patriarchat kann zumindest teilweise durch den Entzug von Privilegien begegnet werden, da dies Raum schafft für die Selbstermächtigung von Depriviligierten. Durch derartige Interventionen werden Machtstrukturen sichtbar gemacht.Als Beispiel hierfür kann die Frauen*reihe gesehen werden.Hier können Zweifel an der bestehenden „Ordnung“, diskutiert, Erfahrung gesammelt und weitere antisexistische Aktionen geplant werden. Wichtig ist aber in aller Konsequenz, dass es weder Ziel, noch gar möglich ist, ein „Gegen-Patriarchat“ und eine Reproduktion von Ausschlussmechanismen zu etablieren!
Der Bruch mit der Heteronormativität kann an den drei Punkten sex, gender und Begehren greifen. Hierbei ist jeder Bruch weiterbringend und es wird unermesslicher Raum für Neuentwürfe und Möglichkeiten gelassen. Die Perspektive in der Frauen*reihe war,wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad möglich, dass hierbei mit dem viel zitierten Bild von den „jungen militanten Männern aus dem schwarzen Block“ gebrochen wurde . Wir waren laut, entschlossen und kraftvoll und haben uns damit nicht an das Bild von Frau*, was eher von Zurückhaltung, mangelnder Militanz und Schwäche geprägt ist, gehalten.
Uns ist durchaus bewusst, dass das Brechen mit patriarchalen Strukturen eine Reproduktion von Heteronormativität impliziert, dass andererseits der Bruch mit Heteronormativität verschleiernd sein kann, aber wir sind gezwungen diese Diskrepanz anzunehmen, sonst bleiben uns keinerlei Handlungsmöglickeiten und wir sind völlig gefangen in Untätigkeit. Die Brücke zwischen Theorie und Praxis erscheint dadurch als unendlich schmaler Grat, vor dem wir alle auf keinen Fall kapitulieren sollten. Die Angst hier einen Fehltritt zu leisten ist immer präsent, sollte aber keine_n in die Unsichtbarkeit drängen. Der erste Schritt für alle ist es, sich diesem Thema zu stellen und aktiv zu werden.

FÜR MEHR SELBSTBEWUSSTE BRÜCHE UND ANTISEXISTISCHE PRAXIS ÜBERALL UND IMMER!
autonome antisexist_innen (aas)

Dieser Text soll nur den Anfang einer Diskussion darstellen. Wir würden uns über konstruktive Diskussionsbeiträge und konkrete Aktionsvorschläge freuen. Bitte schickt uns eure Anregungen. Wir werden diese auf unserem Blog sammeln. Geplant ist aus den Beiträgen zusammen mit anderen Texten ein Zine zusammenzustellen.

autonomeantisexist_innen@hushmail.com

http://brechreize.blogsport.de

-------------------------------------------------------------------------------------------
(1) Frau* als Fremdzuschreibung und/oder Selbstwahrnehmung und/oder Sozialisation: aus diesen Ebenen ergeben sich einzeln oder in Verschränkungen gesellschaftliche, soziale und wirtschafliche Deprivilegierungen

(2)Trotzdem ist eine kurze Kontextualisierung wichtig und soll sich hier auf Punkte konzentrieren die für unsere Perspektive eine Rolle spielen und erklären, warum wir die Schwerpunkte so gesetzt haben: wir werden alle als Frauen wahrgenommen und/oder nehmen uns als solche wahr. Wir sind weiß und kommen aus der Mittelschicht. Begehren und andere Aspekte der Selbstwahrnehmung bleiben hier außen vor, da sie zu dem Text nicht beitragen. Insgesamt sprechen wir also aus dieser Perspektive und ‚unterschlagen‘ demnach evtl. andere, vielleicht auch drastischere Deprivilegierungsmechanismen.

(3)Dabei war zu einem Block von mit Jogginghosen und Windbreakern bekleideten Menschen aufgerufen worden, der als diskreditierender Gegenentwurf zur Frauen*reihe das Geschlecht der Teilnehmenden unsichtbar machen und die Frauen*reihe als unnötige und kontraproduktive Aktion darstellen wollte.

(4) http://de.indymedia.org/2010/12/296982.shtml

http://brechreize.blogsport.de